Weg zur Kinhütte bei Randa

Die Alpen in ihrer ursprünglichsten Art erlebt man abseits der ausgetrampelten Pfade, zum Beispiel auf dem Weg zur Kinhütte  oberhalb von Randa. Wer mehr als nur das Schöne sehen, sondern auch das Wahre empfinden möchte, der plane seine Wandertour mit Sorgfalt und Respekt.

von  Helge von Giese

Das muss schon ein besonderer Mann sein, der auf eigenes Risiko eine Hütte auf 2'584 m kauft und komplett neu wieder aufbaut. An einem Ort, der einmal Ausgangspunkt der Erstbesteigung des Täschhorns war, aus alpinistischer Sicht aber an Bedeutung verloren hat. "Der Berg ist nicht ohne", sagt dieser Mann, Viktor Imboden aus Täsch, Skilehrer und Bergführer. Er ist 74 Jahre alt und bewirtschaftet die Kinhütte gemeinsam mit seinem Bruder Ludwig, seit der feierlichen Einweihung am 20. Juli 2002. 1996 kaufte er sie - mit Handschlag - von Guido Biner aus Zermatt. Das hatte auch etwas mit Lokalpatriotismus zu tun: 1903 hatten Bergführer aus Täsch und Randa die Kinhütte erbaut. Viktors Grossvater war daran beteiligt. In den 50er und 60er, als die Gipfeltouren von diesem Ort aus immer schwieriger wurden, diente das Gebäude den Arbeitern der Grande Dixence als Unterkunft. Der Rückkauf nach Täsch war als ein Generationenprojekt gedacht, gemeinsam mit Viktors Sohn, Bernhard. Da verunglückte Bernhard, er war 26 Jahre alt, am 7. September 1995 auf dem Roseggletscher in Graubünden. Es war der letzte Tag seiner Bergführerprüfung.

Der Vater gab den Traum nicht auf. Er erhielt 1996 den Zuschlag. Einige Jahre galt es durchzuhalten, bis alle Genehmigungen zum Neubau vorlagen. Viktor Imboden hat vieles durchs Gebirge getragen: Sorgen, Trauer, das Gipfelkreuz auf das Rimpfischhorn, gemeinsam mit seinem Freund Henry Willi und dem jüngeren Sohn, Ivan Imboden, zum Gedenken an Bernhard.

Es dämmert schon

Edelweiss - so weit das Auge reicht, kurz oberhalb dem Abzweiger vom Europaweg Richtung Kinhütte: der Edelweissweg. Das Alpensymbol wächst hier auf alpinem Rasen, nicht auf Fels. Gut 20 cm sind die Stängel lang. Ist es der Wind, der die Blüten bewegt, sind es Insekten? Es dämmert. Weisshorn, Schalihorn, Bishorn sind nur noch Scherenschnitt.

Die Autorin dieser Geschichte hat den Weg zur Kinhütte auf die leichte Schulter genommen und bereitet sich - die Nerven liegen blank - auf ihre erste Nacht im offenen Gelände vor. Es ist Anfang September, gegen 20 Uhr. Die Moral dieser leichtfertigen Wanderin ist ein kurzes Wegstück hinter Springelboden, nach der Querung der Brücke über den Wildibach, der hier fast vertikal in die Tiefe stürzt, auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Bemerkenswert, wie mächtig und steil eine Felswand in der Dämmerung aussehen kann. Es ist der Kinfelsen, und ganz oben, noch gut 300 Höhenmeter, der Hals muss ordentlich gestreckt werden, brennt ein Licht. Nun ist es vorbei mit dem Stolz, der Hüttenwart muss angerufen werden, solange noch Strom auf dem Handy ist. "Verhungert auf den letzten Metern, was?", sagt Viktor Imboden. "Soll ich Ihnen entgegen kommen", fragt er. "Ja, bitte. Das könnte mich motivieren."

Steil in Kehren geht es nach oben. T3 nennt man das: anspruchsvolles Bergwandern, und das in der Dunkelheit, Bergschuhe mit abgelaufenem Profil, ohne Teleskopstöcke, erschöpft und beschämt. Viktor Imboden sieht dafür aus wie ein Bergführer auszusehen hat. Er trägt ein Stirnband mit Edelweissmotiv bedruckt. Das ist sein Markenzeichen. Darüber - wen könnte das verwundern um diese Uhrzeit - eine Stirnlampe. Er mustert seinen Gast: "Wie geht es Ihnen?" "Gut!" Was bleibt auch anderes übrig zu sagen?! "Wollen Sie meine Lampe haben?" "Gern!"

Wie so ein behäbiger Bergschritt dem Ziel näher kommt, wenn er gnadenlos einem Takt folgt. Aber es gibt hier Seile, Befestigungen, eine Treppe. Viktor und sein Bruder Ludwig haben diesen Weg ausgebaut. Und jetzt? Nachtfalter umkreisen die Stirnlampe, der Lichtkegel umkreist des Hüttenwarts Schritte, Edelweiss schaukeln sanft im Wind. Wer so voran schreitet, der muss Augen in den Waden haben. Und wer keine Stöcke hat und nicht trittsicher ist in der Dunkelheit, der rudert gelegentlich mit Händen und Armen. Könnte es sein, dass die Wanderin teilweise auf alle Vieren gekrochen ist? Verdrängt! T3: "gute Trittsicherheit, gute Trekkingschuhe, durchschnittliches Orientierungsvermögen, elementare alpine Erfahrung". Wir werden die Lehre dieses Hüttenaufstiegs, der zur Hälfte lieblich, zur anderen Hälfte alles abverlangt hat, nicht vergessen. Auch nicht wegen Viktor Imboden, und wie er in die Nacht schreitet. Die Füsse in seinen Bergschuhen sind ohne Zehen. Am 28. Oktober 1988 erreichte er mit seinem Freund, dem Zermatter Bergführer Henry Willi, den Gipfel des Lhotse Shar, dem Ostgipfel des Lhotse im Himalaya. Viktor litt an Erfrierungen. Er und Henry blieben lange oben.

Der Lhotse Shar war auch nicht ohne: 8'382 m. Es war der einzige 8000er, der in jenem Herbst 1988 vom Ministerium in Nepal der Expeditionsmannschaft zugeteilt werden konnte. 16 Bergführer des Zermatter Bergführervereins nahmen damals teil. Viktor und Henry gelang der Gipfelsieg. Es war die dritte erfolgreiche Besteigung dieses Bergs. "Viktor ist ein Mann mit Prinzipien", sagt Bruno Jelk, Expeditionsleiter von 1988. "Wenn Viktor etwas will, dann tut er es mit Biegen und Brechen, dann tut er mehr als andere. Er ist persönlich mit sich sehr hart."

Ein Ort für Kenner

Auf 2'584 m liegt die Kinhütte über dem Wildkin am Fusse des Grabenhorns, umgeben von Täsch- und Kinhorn, Leiterspitzen und Dom. Bis zu 300 Gäste übernachten dort jährlich. Die Hängebrücke auf dem Europaweg vor Randa wurde bisher nicht wieder erneuert, weshalb seit 2010 weniger Wanderer die Hütte besuchen. Das ist schade, denn den Gast erwartet auch die warme Herzlichkeit von Michèle Baumgartner, Viktor Imbodens Freundin. Das Paar unternimmt einmal mehr eine Anstrengung, um den Hüttenbesuch zu einem unvergesslichen Ausflug zu machen. Viel Aufmerksamkeit steckt in der Zubereitung der Speisen. So backt Michèle das Brot selbst.

Die Kinhütte ist eine Hütte, in die die ganze Liebe des Hüttenwarts geflossen ist. Viktor Imboden redet nicht viel. Es ist die Hütte, die für ihn spricht, seine Kinhütte. Die Menschen, die man hier oben trifft, sind Kenner, geschätzte Freunde, Menschen der Region, die einen besonderen Bezug zum Täschhorn haben, auch Wanderer, die einen anderen Weg eingeschlagen haben. Menschen für einen Sinn, nicht nur für das Schöne, sondern auch für das Wahre. Die das Edelweiss stehen lassen, wenn es sanft im Bergwind schaukelt.

Informationen

Anmeldung Kinhütte (ausschliesslich über Telefon)
Saison Anfang Juli bis September
Viktor Imboden Bergführer und Skilehrer
Tel. Hütte +41 (0)27 967 86 18

Die Kinhütte ist eine Privathütte. Für SAC-Mitglieder kann keine Ermässigung angeboten werden.

Von Randa sind für den Hüttenaufstieg mindestens 3 Stunden einzuplanen, von Täsch mindestens 4 Stunden. Auf der Homepage der Hütte befinden sich unter der Rubrik "Wanderungen" Karten, die die verschiedenen Wegführungen aufzeigen. Ein Anruf beim Hüttenwart zur Besprechung der Wegwahl empfiehlt sich.


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