Trainieren und optimieren für die Patrouille des Glaciers

Samstag den 8. März 2014

Zweiter Teil der Miniserie über die Patrouille des Glaciers. Heute: Die Teambildung ist schwieriger als gedacht. An der diesjährigen Austragung des Rennens wird ein Team des «Tages-Anzeigers» teilnehmen. Gastautor Jost Fetzer wird in lockerer Folge darüber berichten.

von  Jost Fetzer

Die Zusage war schnell, vielleicht zu schnell, gegeben: eine Einladung von Dynafit zum Skitourenrennen Patrouille des Glaciers, kurz PDG, von Zermatt nach Verbier? Aber sicher bin ich mit dabei! Ich höre nur das Wort «Skitour» und verdränge den zweiten Wortteil «Rennen», auch wenn mir als langjährigem Tourengänger dieses klassische Rennen selbstverständlich ein Begriff ist. Dass es jedoch über 53 Kilometer und 4000 Höhenmeter geht, ist mir im Moment der Zusage nur sehr vage bewusst. Vielmehr sehe ich vor meinem Auge endlose Abfahrten im Pulverschnee und tausend Gründe, Woche für Woche auf Skitouren zu gehen: Sorry, ich kann nicht an den Kindergeburtstag von Krippengspänli XY. Ich muss in die Berge und trainieren. Meine Familie wird das bestimmt verstehen. Zumindest rede ich mir dies ein.

Die Suche nach dem Team

Erstaunlicherweise kommen von meiner Familie positive Signale. Immerhin von ihr, denn alle anderen greifen sich bei der Verkündung meines Vorhabens erst einmal an den Kopf und zweifeln an meinen Erfolgschancen. Dabei sollte ich doch dringend Teamkollegen finden, mit denen ich am Seil, im Schneetreiben und in der Dunkelheit von Zermatt nach Verbier touren werde. Denn so viel ist unterdessen klar: Ein Sonntagsspaziergang wird das nicht.

Skitouren und insbesondere Hochtouren sind auch eine Frage des Vertrauens, und so ist der Kreis der möglichen und gewünschten Teammitglieder recht überschaubar. Alle Angefragten zeigen kritische Bewunderung für das Vorhaben, doch ist ihnen der Weg zu weit, die Höhendifferenz zu gross oder der Trainingsaufwand zu hoch. Ich wende mich hoffnungsvoll an die beiden bekanntesten Skitourengeher auf der Tagi-Redaktion. Doch auch dort erwarten mich nur Absagen: Der eine hat bereits zweimal an der PDG teilgenommen, und das reiche nun auch mal, der andere würde nie im Leben eine Startnummer anziehen, geschweige denn freiwillig an einem Anlass der Schweizer Armee teilnehmen. Skitouren? Ja, gerne. Rennen? Nein, danke!

Willst du mit mir gehen?

Und so droht das Vorhaben zu scheitern, bevor es richtig begonnen hat. Ich brauche dringend Teamkollegen, ansonsten läuft die Anmeldefrist ab. Eine letzte Anfrage sende ich per SMS an Ralph: «Willst du mit mir an die PDG gehen?» Die Antwort kommt innerhalb von Sekunden und ist positiv. Auf alte Tourenkollegen ist eben doch Verlass.

Ralph wollte sowieso an die PDG, fand aber ebenfalls keine Teamkollegen, da seine Freunde diesen Winter ihre Energie in die Familienplanung investieren und nicht in Skitouren. Ich versichere ihm, dem Kinderlosen, dass Kinderkriegen für uns Väter keine Anstrengung sei im Vergleich dazu, Kinder zu haben, und ich als zweifacher Vater nicht wisse, wann ich noch Zeit für das Training finden könne. Selbst diese Worte lassen Ralph nicht von seiner Zusage abbringen, und wir komplettieren unser Team mit Papa Thomas I. und dem werdenden Vater Thomas II. als Ersatzmann: vier Männer, vier Kinder, ein Ziel – die PDG.

700 Höhenmeter pro Stunde

Nun stehe ich hier wie der Ochs vorm Berg und sollte hoch, so schnell es geht. Hoch auf den Pizol, auf den Berg, auf dem ich in der Kindheit das Skifahren und in der Jugend das Snowboarden erlernt habe, wo meine Leidenschaft für den Schnee gewachsen ist und wo ich meine Knochen diverse Male bei der Ausübung derselben gebrochen habe. Unzählige Tage habe ich auf diesem Berg verbracht, immer hoch und runter, nur, diesmal ist alles ein wenig anders. Diesmal geht es vor allem hoch.

Wir sind hier nicht zum Pistenplausch, sondern für einen ersten Test unseres Teams am traditionellen Skitourenrennen Pizol Altiski. Dass wir uns unter den drei Kategorien für die Variante «Extreme» mit 21 Kilometern Distanz und 2222 Höhenmetern Aufstieg entschieden haben, versteht sich von selbst. Bei der PDG erwartet uns die doppelte Strecke und Höhendifferenz – und wegen der dünnen Luft in der Höhe wird die Anstrengung um ein Vielfaches grösser sein.

Am Start zum Pizol Altiski ziehen all die Profis und ambitionierten Amateure in ihren hautengen Rennanzügen und ultraleichten Ausrüstungen an uns vorbei. Der Schnellste wird uns nach gut der Hälfte unseres Aufstieges bereits wieder entgegenkommen und nach 1 Stunde 55 Minuten das Ziel erreichen. Obwohl wir 1 Stunde 30 Minuten langsamer als der Sieger sind, sind wir zufrieden mit dem Resultat. Rund 700 Höhenmeter haben wir pro Stunde zurückgelegt – mehr als erwartet. Rein rechnerisch wären wir bei der PDG im gleichen Tempo nach rund 7 Stunden im Ziel. Wir rechnen jedoch realistisch mit mindestens 14 Stunden für den Weg von Zermatt nach Verbier.

Trainieren und optimieren

Beim Weissbier im Ziel lässt sich das im Vergleich zu unseren Mitstreitern am Pizol Altiski langsame Abschneiden wunderbar mit externen Faktoren begründen: Die Tourenausrüstung der Profis wiegt mit 5 Kilogramm – inklusive der Ski, der Bindungen, Felle, Schuhe, des Rucksacks und der obligatorischen Sicherheitsausrüstungen wie LVS, Schaufel, Sonde und Helm – nicht halb so viel wie die unsrige.

Und weil Optimieren weniger anstrengend ist als Trainieren, melden wir uns gleich nach dem ersten Testrennen bei unserem Mister Q von Dynafit und bestellen eine Skitouren-Rennausrüstung, die in einer vergleichbaren Gewichtsklasse spielt. Ob diese Ski auch bei der Abfahrt etwas taugen, werden wir ja sehen. Damit ist jedoch der Punkt erreicht, wo meine Familie findet: «Du machst das doch nur wegen der neuen Skitourenausrüstung!» Ganz unrecht haben sie ja nicht.

Jost Fetzer, Rennläufer an der Patrouille des Glaciers 2014

Jost Fetzer schrieb diesen Artikel für den Tages-Anzeiger Outdoor Blog: Link


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