Höhen und Tiefen der Patrouille-des-Glaciers-Vorbereitung

Samstag den 5. April 2014

Dritter Teil der Serie über die Patrouille des Glaciers (PDG). Heute: Seriöses Training entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. An der diesjährigen Austragung des Rennens wird ein Team des «Tages-Anzeigers» teilnehmen. Gastautor Jost Fetzer wird in lockerer Folge darüber berichten.

von  Jost Fetzer

Wie konnte ich nur so blöd sein und die Teilnahme am härtesten Skitourenrennen der Welt auf dem Outdoorblog öffentlich machen? Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich muss an die PDG, die 53 Kilometer und 4000 Höhenmeter von Zermatt nach Verbier auf Skiern meistern. Der soziale Druck ist riesig: Die ganze Welt würde von unserem Scheitern lesen.

Etwas Gutes hat der soziale Druck immerhin: Er lässt die Erkenntnis reifen, dass dieses Vorhaben ohne anständiges Training nicht erfolgreich enden kann. Lediglich mehr Treppen gehen und weniger Bier trinken reichen für die PDG nicht. Ich beschliesse, etwas zu tun, das ich bis anhin nur mit Verachtung gestraft habe: Joggen.

Ein Problem eines jeden Jungvaters ist, dass neben der Familie und der Arbeit gar keine Zeit mehr für individuelle Tätigkeiten übrig bleibt. Das hat sicher seine guten Seiten – der Alkoholkonsum unter Freunden nimmt drastisch ab – aber ebenso fehlt die Zeit für sportliche Betätigung. Ausser – frühmorgens, bevor die Familie erwacht. Da sehe ich meine Chance für ein regelmässiges Training.

«In meinem ganzen Leben warst du noch nie joggen»

Der Entschluss ist gefasst, die Sportschuhe stehen bereit, die Familie schläft und der Wecker reisst mich zu einer Unzeit aus dem Schlaf. Jetzt nur nicht wieder einschlafen; raus in die Kälte! Einsam drehe ich meine Runden auf der dunklen Finnenbahn. Die Euphorie übermannt mich: Noch eine Runde, noch ein bisschen schneller – das macht ja richtig Spass. Bis das Telefon klingelt und am anderen Ende eine vorwurfsvolle Stimme ertönt: «Wieso gehst du so früh aus dem Haus, ich hab dich in der ganzen Wohnung gesucht und überhaupt, wo bist du eigentlich mitten in der Nacht! Joggen? In meinem ganzen Leben warst du noch nie joggen!»

Ja, aber in meinem Leben, da war ich bereits einmal joggen. Ich mag mich zumindest an ein Mal in der RS erinnern, vor mehr als einer Dekade muss das gewesen sein und so alt dürften auch meine Sportschuhe sein. Meine Familie bleibt skeptisch, erteilt mir im Folgenden aber die Bewilligung für regelmässiges, frühmorgendliches Joggen. Nun renne ich also im Dunklen durch den Wald, Kilometer um Kilometer und nach dem dritten Auslauf schmerzen meine Knie dermassen, dass ich nicht mal mehr normal gehen kann.

Trainingstipps und Trainingsfehler

Die Diagnose ist schnell gefällt: typische Anfängerfehler. Zu schnell zu viel gewollt und dies in ungeeignetem Schuhwerk. Zurück auf Start lautet die Devise oder in meinem Fall: Mitten im Winter passende Joggingschuhe kaufen. Und so stehe ich alsbald an der Bahnhofstrasse in einem edlen Sportgeschäft, obwohl ich noch vor Tagen geschworen hätte, niemals einen Fuss da reinzusetzen und für ein kleines Vermögen Joggingschuhe zu kaufen. Immerhin sind die Knieschmerzen seither verschwunden.

Unterdessen spricht sich mein sportliches Vorhaben im Freundeskreis herum und obwohl alle am Gelingen zweifeln, hat jeder seine ganz persönlichen Trainingstipps auf Lager:

  • Möglichst viel bergauf laufen, denn im Flachen joggen erhält höchstens die bisherige Fitness, steigert diese aber nicht.
  • Das Training in den Alltag einbauen, täglich ins Büro joggen und unterwegs ein zwei Treppenhäuser von Hochhäusern hochrennen.
  • Mit dem Velo zur Arbeit fahren, jedoch den Sattel abmontieren. Das gibt fesche Waden.
  • Jeden Abend nach der Arbeit eine Skitour auf den Hausberg unternehmen.

Ich gebe zu, die Ideen sind gut, alleine an der Umsetzung hapert es. Die lokalen Hausberge sind zu klein für anständige Bergläufe, geschweige denn für allabendliche Skitouren. Quer durch den Pendlerverkehr joggen und unterwegs den Prime Tower erklimmen ist nicht mein Ding. Und Velofahren ohne Sattel habe ich ausprobiert, aber nebst der optischen Fragwürdigkeit ist das wirklich anstrengend. Zu anstrengend für meinen Arbeitsweg.

Gefahren und Chancen auf dem Heimweg

Es müssen kreativere Trainingseinheiten gefunden werden. Zum Glück bietet der lokale Alpenclub ein Fitnesstraining an, das in meinem Freundeskreis liebevoll «Altherrenturnen» genannt wird. Doch die vorwiegend älteren Besucher und das Training haben es in sich, der Muskelkater ist vorprogrammiert. Richtig schlimm wird es, wenn die Runde nach dem Training auf ebendieses anstossen möchte und in die Kneipe auf halbem Heimweg steuert, wo Barkeeper Werner aus Freude über unseren Besuch sogleich eine Runde Hausschnaps spendiert. Der Kater am nächsten Morgen ist dann nicht mehr eindeutig dem Training zuzuordnen und der Trainingseffekt marginalisiert.

Also muss doch das Potenzial des Arbeitsweges, der immerhin rund 100 Meter Höhendifferenz aufweist, für ein regelmässiges Training genutzt werden: Anstatt mit dem leichten Rennvelo zur Arbeit zu fahren, wird nun eben das schwergewichtige Transportvelo ausgefahren und die Ladefläche entweder mit Kind und Kegel beschwert oder aber mit Gewichten gefüllt. So bewege ich nun täglich ein Fahrrad von rund 70 Kilogramm durch die Stadt und komme dabei ordentlich ins Schwitzen.

Verfolgen Sie uns auf Schritt und Tritt

Dass dieses Bike-Training auch wirklich wirkt, zeigt sich bei unserem nächsten Rennen in Disentis, wo wir als Dreierteam an der Trofea Péz Ault teilnehmen. Die gefühlte Leistungssteigerung ist frappant, bei genauem Hinschauen ist aber nicht sicher, ob hierfür der Muskelaufbau oder der Gewichtsabbau verantwortlich ist. Denn unterdessen verfügen wir über top Skitourenmaterial von Dynafit, das nur noch halb so schwer ist wie die alte Ausrüstung: Lediglich rund vier Kilogramm wiegen Skischuhe, Skis und Bindung inklusive Felle.

Über Ostern erwartet uns ein letztes Höhentraining bei einem alten Bekannten: Auf dem einzigen Bündner 4000er, dem Piz Bernina, und seinen kleineren Geschwistern Piz Zupò, Piz Palü, Piz Glüschaint und Piz Roseg werden wir uns an die dünne Luft in grosser Höhe und das Skifahren am Seil gewöhnen, bevor es nach Zermatt geht, wo wir in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai an der PDG starten werden.
Mit der Patrouille-des-Glaciers-App für iPhone und Android können Sie uns dabei auf Schritt und Tritt verfolgen.

Jost Fetzer, Rennläufer an der Patrouille des Glaciers 2014

Jost Fetzer schrieb diesen Artikel für den Tages-Anzeiger Outdoor Blog: Link


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