Sprache: Deutsch
Zermatt. No matter what
 

*Zermatt / Matterhorn

„Vielleicht muss man ein Spinner sein“

Er ist 1,69 m gross und wiegt 61 kg. Seine Freunde nennen ihn „Faetzu“ – das heisst so viel wie „Kampfsau“. Die Rede ist vom Zermatter Martin Anthamatten – einem Skialpinist auf dem steilen Weg an die Weltspitze. Er ist Mitglied der Schweizer Nationalmannschaft Skialpinismus. In diesem Jahr hat er seine bisher schwerste Herausforderung zu bestehen. 

Du hast bis vor einigen Jahren Eishockey beim EHC Visp gespielt. Das ist nicht gerade ein Ausdauersport. Wie hast du dir eigentlich deine Kondition über die Jahre angeeignet? 

Ich habe immer schon gemerkt, dass ich ein Ausdauertyp bin. Den Zermatt Marathon bin ich sieben Mal gelaufen. Beim Hockey war ich immer der Läufer, immer der Schnellste. Viele glauben mir nicht, wenn ich sage, ich hätte Eishockey gespielt, denn Skialpinismus ist der totale Gegensatz. 

Was gab die Initialzündung für den Wechsel zu dieser Sportart? 

Als ich aus dem Eishockeytraining heraus den Marathon gemacht habe, war es mal etwas anderes für den Kopf. Als die Saison nicht gut lief, habe ich mich dann zwei Monate konsequent auf den Aletsch-Halb-Marathon vorbereitet. Im meinem ersten Rennen bin ich gleich auf den dritten Platz gekommen. Seit diesem Zeitpunkt weiss ich, welches meine Sportart ist. Vom Berglauf bin ich dann auf den Skialpinismus gekommen. 

Warum gehen manche Sportler die Berge lieber rauf und manche fahren runter?
 
Schwer zu sagen. Im Sommer gehe ich lieber den Berg rauf und fahre dann mit der Bahn wieder runter. Man ist unabhängig. Ich bin einmal von Stalden abends um elf Uhr nach Hause gegangen. Ich dachte mir, ich trampe. Es war ein wunderschöner Abend. „Okay, wenn mich zwei Autos nicht mitnehmen, dann laufe ich.“ Und ich lief. Das war ein cooles Erlebnis. Zwischen zwei und drei Uhr nachts war ich in Zermatt. Dann bin ich mit Freunden noch einen trinken gegangen. Man schaut alles anders an, man ist unabhängig. Ich glaube, die Menschen schätzen das Laufen viel zu wenig. Was man mit dem erreichen kann. 

Was ist dir in dieser Nacht durch den Kopf gegangen? 

Du bist frei. Du kannst hingehen, wo du willst. Vielleicht muss man dazu ein Spinner sein. Das muss man einmal erleben. 

Könntest du nach so einem Marsch sofort ins Bett gehen?
 
Ja. Auch nach diesem Gespräch (20 Uhr) kann ich sofort nach Hause gehen und bis zum nächsten Morgen, acht Uhr, schlafen.

Ich habe in einem Interview gelesen, dass du zehn Stunden im Schnitt schläfst. Stimmt das?
 
Im Herbst bin ich drei Monate hier gewesen und habe nur trainiert. Morgens um sieben Uhr aufstehen, 20 Minuten einlaufen, zurückkommen, Frühstück, eine Stunde schlafen, aufstehen, zweieinhalb Stunden trainieren, Mittagessen, drei Stunden schlafen, zwei Stunden trainieren, Abendessen, ein bis zwei Stunden das Material anschauen, irgend etwas anderes machen und wieder schlafen gehen. An einem Tag in der Woche habe ich nichts gemacht. Wenn man so viel trainiert, dann braucht man so viel Schlaf. In Basel, wo ich zur Grenzwachtschule gehe, schlafe ich sechs bis sieben Stunden. Da kann ich nur ein bis zwei Stunden am Tag trainieren. Je mehr du erholt bist, umso mehr und desto qualitativer kannst du trainieren. Das Training ist ein Reiz für den Körper. Die Form steigt. Wenn du viel trainierst und dich nicht erholst, dann geht die Form bergab. Die Erholung ist das A und O. Es gibt Grundsätze, die man einhalten muss, aber jeder ist individuell. Jeder muss seine Erfahrungen machen.

Deine Familie ist sehr sportlich. Deine Brüder klettern an der Weltspitze. Simon ist schon Bergführer. Samuel ist Aspirant. Warum ist eure Familie so sportlich?

Von meinen Brüdern hat jeder etwas Spezifisches. Wenn ich zwei Monate am Stück trainiere, bin ich top motiviert. Dann sagen mir meine Brüder, ich würde spinnen. Dass ich das so mit meinem Kopf durchsetzen kann.

Was haben eure Eltern mit euch unternommen?

Wir sind drei Brüder und eine Schwester. Wir haben immer etwas gemacht. Von zuhause aus hiess es: Am Wochenende gibt es nur Familie. Wir sind wandern gegangen. Immer unterwegs gewesen, immer laufen gewesen. Auf Bäume geklettert. Wenn ich alleine aufgewachsen wäre, wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Und die Voraussetzungen, die wir hier in Zermatt haben – das merke ich jetzt, wo ich in Basel bin – wir haben das Paradies. Es gibt nichts Besseres.

Wie trainierst du in Basel, wenn die Berge fehlen?

Es ist eine Kopfsache: Trainieren kannst du überall. Dein Onkel ist Ernährungsspezialist. Berät er dich? Er schaut, was ich vertrage und was nicht. Jeder ist individuell. Man kann sich testen, dann weiss man, wie viel Kohlehydrate, wie viel Fett und wie viel Proteine man braucht.

Was isst du, wenn du trainierst?

Am Morgen gibt es eine grosse Schüssel Haferflocken mit Bananen und Milch. Sportgetränke kann man vergessen, da ist immer zuviel Zucker drin. Ich mache Tee und tue Moltodextrin-Pulver rein. Das ist ein normales Kohlehydrat. Ein bisschen Salz, ein bisschen Zucker. „Spagetthi aufgelöst“ ist das. Das trinke ich während des Trainierens. Zwei Liter. Mittagessen. Nach dem Schlafen noch mal etwas Kleines essen. Trainieren. Abendessen. Wenn man intensiver trainiert, gibt es schon spezielles Protein-Zeugs. Alles in der Schweiz hergestellt, auf natürlicher Basis, sehr hochwertig. Das kann man nicht so einfach kommerziell kaufen. Es ist für mich wichtig, dass mein Körper funktioniert. Was manche essen – das versteh ich nicht. Es kommt darauf an, woraus das Produkt gemacht ist. Es muss noch alles drin sein an Vitaminen und Mineralien. Wenn du fast Food isst – das ist alles ausgelaugt. Da fehlen die Spurenelemente. Wenn du Leistung bringen willst, musst du aufpassen, dass alles dabei ist.

Was ist dein Lieblingsgericht?

Schwierig zu sagen. Es gibt das Lieblingsgericht und das, was das Beste für mich ist. Alles, was meine Mutter kocht. Alles aus dem Garten, mit Liebe gemacht. Das merke ich jetzt, wo ich in Basel bin. Das ist nicht das Gleiche. Vor dem Wettkampf sind für mich Kartoffeln mit Spiegelei am Besten.

An welchen Rennen nimmst du teil?

Es gibt Bergläufe und Skitourenwettkämpfe. Bei letzteren gibt es welche, wo du nur bergauf läufst und bei anderen machst du mehrere Aufstiege. Vertical Race geht nur bergauf, wie jetzt beim Gebirgslauf Zermatt-Rothorn. Der heisst nur Gebirgslauf. Eigentlich ist es ein Skitouren-Rennen.

Was bevorzugst du?

Wenn es steil ist.

Wie sind die Distanzen?

Ganz verschieden. Wenn du die Patrouille des Glaciers anschaust, da machst du 4'000 Höhenmeter in sieben Stunden. Bei einem Vertical machst du zwischen 20 Minuten und einer Stunde. Zwischen 600 und 1'000 Höhenmetern.

Was sind deine Ziele dieses Jahr?

Wegen der Grenzwacht-Schule ist alles durcheinander. Eigentlich war es die Europameisterschaft. Meine Noten waren nicht gut, und jetzt lassen sie mich nicht teilnehmen. Deswegen bin ich in Zermatt beim Gebirgslauf. Generell ist es so: Du musst dir vier, fünf Ziele im Jahr setzen und alles diesen Zielen unterordnen. Ich muss jetzt schauen, dass ich die Schule bestehe. Ich muss das schaffen, um die Voraussetzungen zu schaffen, später an die Weltspitze zu kommen.

Wie schätzt du den Gebirgslauf Zermatt-Rothorn ein?

Das Rennen ist schwer. Ein sehr langes Vertical Race. Flache und steile Teilstücke. Man muss sehr auf das Material schauen. Momentan ist es sehr kalt. Es ist eines von den schwierigeren Rennen. Man muss an das Einteilen denken. Taktisch laufen.

Sehr interessant. Vielen Dank, Martin, für das Gespräch.

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