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Gädini: Zeugen einer vergessenen Welt

19.12.2012

Auf ehemaligen Voralpen, im Dorf Zermatt und dort besonders im Hinterdorf ziehen alte landwirtschaftliche Gebäude im Blockbaustil die Aufmerksamkeit unserer Gäste auf sich. Seit den 60er Jahren vergessen und nur noch selten genutzt, besinnt man sich wieder auf das kulturelle Erbe und führt Stadel, Speicher und Gädini*) der touristischen Nutzung zu. Wir stellen zwei Beispiele vor.

Wer das erste Mal durch das Hinterdorf flaniert, der mag sich fragen, ob das alte Dorf Zermatt so ausgesehen haben mag. In der Tat ist dies der älteste erhaltene Dorfkern mit bis zum Teil über 300 Jahre alten Gebäuden. Doch die faszinierenden Walliser Blockbauten mit ihren sonnenverbrannten Wandhölzern aus Lärchenholz dienten vornehmlich der landwirtschaftlichen Nutzung. Es sind Stadel, in denen Korn gedroschen wurde, Speicher, in denen man Fleisch trocknete, schlachtete und die bäuerlichen Schätze in Truhen aufbewahrte. Oder es waren Ställe, sogenannte Gädi, in denen im Untergeschoss das Vieh untergebracht war und im Obergeschoss das Heu lagerte. Stadel und Speicher stehen meist auf Stelzen mit darauf gelegten runden Steinplatten. Diese halten Nagetiere und Ungeziefer davon ab, ins Innere der Gebäude einzudringen. Die Dächer sind mit Schindeln und Steinplatten gedeckt. Der Stil ist typisch für das Wallis. Man schätzt die Anzahl solcher landwirtschaftlicher Nutzungsbauten auf rund 50'000. Ihr Erhalt ist den Gemeinden, dem Schweizer Heimatschutz und erfreulicherweise auch den Eigentümern vermehrt ein Anliegen. Diese Gebäude sind Sinnbild für Brauchtum, Tradition und landwirtschaftliche Kultur in den höchsten Höhen des Alpenbogens.

Die Situation in Zermatt
Ausserhalb des Dorfes hat die Einwohnergemeinde Zermatt mehr als 720 sogenannte Hofstetten erfasst. Für die Bauzone existiert noch keine abgeschlossene Inventarisierung. Inbegriffen sind auch Ruinen, die nicht weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie mancher Prachtspeicher oder Stall, der tatsächlich noch von Schwarznasenschafen oder Schwarzhalsziegen bewohnt wird.

Mit dem Rückgang der Landwirtschaft im vergangenen Jahrhundert und besonders seit den 60er Jahren sind die hölzernen Zeugen der Berglandwirtschaft weitestgehend ohne Funktion. Erst in den 70er und 80er Jahren wurde man sich bewusst, welches kulturelle Erbe zu verfallen drohte. Das Walliser Erbrecht erschwert den Erhalt: Da jedes Gebäude von mehreren Bauern genutzt wurde, sind nach vielen Generationen zum Teil Hunderte von Erben beteiligt. Der Erhalt erfordert zum Teil beachtlichen finanziellen Aufwand und familiäre Einigkeit. Investition, Wirtschaftlichkeit, Ästhetik und sinnvolle Nutzung müssen Hand in Hand gehen. Umso erfreulicher ist es, dass immer mehr Eigentümer erkennen, wie gut Stadel und Speicher bei den Gästen ankommen, sei es als Unterkunft oder Emblem einer als heil empfundenen Bergwelt.

Lärchenholz, das beste Baumaterial
Die Vorfahren der Zermatter, die Walser,  die das Tal besiedelten, waren gute Baumeister. Sie kannten die Vorzüge des Lärchenholzes. Die Lärche ist eine Art Wahrzeichen des Wallis, denn rund 29 Prozent des Baumbestandes sind Lärchen. Die Lärche ist das schwerste und härteste einheimische Nadelholz. Das Holz ist sehr harzhaltig, was Ungeziefer fern hält, und die Kernstoffe bewirken eine grosse Dauerhaftigkeit. Es verfügt über gute Festigkeits- und Elastizitätseigenschaften und ist witterungsbeständig. Zudem schwindet es nur mässig und zeichnet sich durch gute Stabilität aus. Lärchenholz verfärbt sich bei Sonneneinstrahlung dunkelbraun bis schwarz. Das wiederum lässt das Holz bei Sonneneinstrahlung aufheizen, was sich energiemässig positiv auswirkt. Zermatter Einwohner, die ein schwarz gefärbtes Walserhaus bewohnen dürfen, können im Winter ihre Heizungen deshalb mindestens in den Zimmern, die auf der Südseite gelegen sind, tagsüber abdrehen.


Die "Schatzkiste": schöne Dinge aus guter alter Zeit
Am Ende des Hinterdorfs, in der Nähe der Brücke "Zum Steg", steht die "Schatzkiste" von Egon Grubers. Es ist ein ehemaliger Stall mit Speicher, der auf vier Etagen ausgebaut wurde. Der Eigentümer sammelt die verschiedensten Kleinodien und greift so ein typisches Motiv des Speichers auf: Wo ehemals die Schätze des Bauern wie Trockenfleisch, Korn oder Werkzeuge untergebracht wurden, befinden sich heute in Truhen schöne alte Dinge, die Egon Gruber gesammelt und in Stand gesetzt hat.

Wie in alten Zeiten verwertet der Eigentümer wieder oder hat Materialien umfunktioniert: ein Holzträger vom Dach wurde benutzt, um ein Treppengeländer daraus zu machen. Griffe hat er aus Rebholz angefertigt. Regionales wurde belassen oder eingefügt: ein Tisch aus Steinplatten aus St. Niklaus oder ein Walliser Giltsteinofen**). Der Boden des Obergeschoss stammt aus dem Schweizerhof und ist über 100 Jahre alt. Das Fenster neben dem Eingang stammt aus einem alten Haus Zermatts und ist aus dem Jahr 1780. Auch Romantik und Luxus kommen nicht zu kurz: So kann man von der Badewanne im Dachgeschoss aus dem Fenster direkt in den Sternenhimmel sehen.

Chalet Pico: vom Schweinegädi zur Kunst des Wesentlichen
In einer Seitengasse zwischen Kirchplatz und Hotel Monte Rosa befindet sich das Chalet Pico von Marc Kronig. Es bietet auf vier Etagen höchsten Komfort und gleichzeitig Reduktion auf das Wesentliche. Im Untergeschoss befindet sich ein Spa auf 30m². Die anderen Geschosse entfalten die Faszination des einfachen Lebens auf 19m² in einem stilvoll reduzierten Design. In der Verwendung der Materialien, die zum Ausbau des ehemaligen Schweinegädi herangeschafft werden mussten, hat sich Marc Kronig strikt an Regionales gehalten: So stammen die Steine der Bruchsteinmauer vom Gebäude selbst oder wurden von Blauherd geholt. Blauherd (blaue Erde) ist eine Gegend, wo heute die Bergbahnstation „Blauherd“ steht. Vom Dorf aus sind die bläulich schimmernden Fels- und Gesteinsmassen bestens sichtbar. Die Gädi-Fassade mit dem 300 Jahren alten Lärchenholz wurde beibehalten. Marc Kronig hat das Gebäude von seinem Vater Othmar Kronig geerbt und bedankt sich bei ihm mit der Ausstellung von Fotos im Chalet Pico von der Erstbesteigung der Matterhorn-Nordwand durch eine Frau: die Genferin Yvette Voucher. Diese hatte Othmar Kronig 1965 aufs Matterhorn als Bergführer begleitet. Marc Kronig entwickelte hochwertige Lithoprints, die das alpinistische Ereignis von 1965 dokumentieren und gibt so dem Chalet Pico neben Luxus und Ursprünglichkeit die ganze Tiefe einer Zermatter Familiengeschichte.

Sprachliche Informationen:

*) Gädini = kleine Gaden, Ställe fürs Kleinvieh
(Schafe, Ziegen, Schweine)

**) Giltstein = Speckstein



Chalet Schatzchischta: Obwohl klein, dominiert Licht.

Giltsteinofen neben LED-Bildschirm, Tradition trifft Moderne.

Blick in die Küche und einen Stock tiefer, durch Glas, in den Living.


Hinterdorf Zermatt

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