Sprache: Deutsch
Zermatt. No matter what
 
Sie sind hier: _ Home _ News / Events _ Presscorner _ Zermatt Geschichten

Mit dem „Held der Nacht“ auf den Pisten von Zermatt

13.01.2014

Sie sind die „Helden der Nacht“, die Pistenbullyfahrer. Sie fahren ihre Ungetüme aus den Garagen, wenn Skifahrer kurz vor dem Eindunkeln die Pisten verlassen. Ein Heer von Fahrern planiert die ganze Nacht durch alle Pisten, damit die Skifahrer am Morgen wieder bequem ihre Kurven ziehen können.

Die Fahrerkabine ist geräumig, der Motorenlärm moderat. Das Fahrzeug mit Hydrostat-Antrieb scheint auf Wasser zu fahren, sanft, manchmal rollend. Fernando Truffer (36) hat den Steuerknüppel in der Linken, den Joystick in der Rechten, das Computerdisplay im Blick. Mit aufmerksamem Blick verlässt er Riffelberg (2’582 m) und fährt hinter seinem Pistenbully-Kollegen die Pisten hoch. Sie haben sich im Aufenthaltsraum besammelt und kurz vor 16 Uhr abgesprochen. Fernando hatte als Fahrerchef die Männer in ihre Gebiete eingeteilt. „Wir fahren eigentlich immer die selben Pisten“, erklärt er. Das gebe Routine und man wisse, wo man Felsen ausweichen oder Schneedepots erstellen müsse. Und: auch bei Schneegestöber hilft es, wenn fast jede Senke und jede Kurve bekannt ist. „Manchmal müssen wir aber das Fahrzeug anhalten und warten, bis eine Schneewehe vorbei ist. Dann können wir uns wieder an den Pfählen am Pistenrand orientieren.“
Der Kollege vor ihm zweigt inzwischen ab Richtung Hohtälli. Fernando fährt zum Rotenboden (2’815 m), damit er die Schlittelbahn planieren kann. Danach kommt der Winterwanderweg dran. Später folgen zahlreiche Pisten. Das Funkgerät schnarrt. Mitteilungen aus der Zentrale: Verletztentransport. Pisten, die nach Pistenschluss von den Pistenpatrouilleuren bereits kontrolliert sind. Stimmengewühl in der einsamen Landschaft. Als Fahrgast sitzt man bequem auf dem Beifahrersitz und kann entspannt das atemberaubende Schauspiel erleben: Das Dunkel kriecht aus den Tälern hoch und der Himmel gibt bald einmal das Firmament frei, alles im Anblick des Matterhorns. Draussen weht der kalte Wind, in der Fahrerkabine herrscht angenehme Wärme.

Tausende Skifahrer höhlen die Pisten aus
Der Pistenbully von Fernando hat 490 PS und verfügt über die modernste Technik: Joystick, um die Schneefräse hinten und den Pflug vorne genau einzustellen: „Je nach Schneequalität setzen wir die Fräswelle tiefer. Danach häckseln wir den Schnee“, erklärt er. Pistenplanierung ist notwendig, weil Tausende von Skifahrern tagsüber Mulden ausfahren und an den Pistenrändern viele Kubikmeter Schnee anhäufen. Die Pistenbully richten es dann wieder: Mit dem Pflug wird der Schneehaufen ins Loch befördert, mit den Raupen planiert und mit der Fräse am Fahrzeug-
heck fein gehäckselt. Und das Tüpfelchen auf dem i: Eine Presse formt den Schnee zu feinen Rillen.

Heinzelmännchen am Berg
Wenn alle Skifahrer weg sind, widmen sich insgesamt 23 Pistenbullyfahrer den 165 Pistenkilometern, die planiert werden müssen. Alles Männer, Helden der Nacht. Diese Bezeichnung ist nicht erfunden. Facebook lässt erahnen, wo überall diese Helden an den nächtlichen Schneehängen unterwegs sind (Link unten).
Inzwischen ist das Igludorf (2’727 m) erreicht. Es ist 18.30 Uhr, das Zwielicht kämpft mit dem letzten Tageslicht. Die Spitze des Matterhorns versteckt sich hinter grauen Wolkenfetzen. Am Horizont, hinter der Schweizer Grenze in Italien, stehen die Minivierecke schwarzer Gebäude auf Testa Grigia (3’480 m). Die Lichter des Dorfes Täsch (1’450 m) im Tal unten flackern wie eine Fatamorgana.
Fernando Truffer fährt seit 17 Jahren Pistenbully im Skigebiet von Zermatt. Er ist hier der Chef und der Kollege der hilft. Ein Anruf: Patrick hat ein technisches Problem. „Fahr in die Garage, ich komm vorbei“, sagt Fernando ins Handy und dreht sein Ungetüm. In wenigen Minuten ist er bei der Garage und richtet im Nu einen Hydraulikschlauch. „Es sollte jetzt gehen, für diese Nacht schaffst Du es“, sagt er und klopft seinem jüngeren Kollegen auf die Schulter.

Bei fast jedem Wetter unterwegs
„Also, bei Schneesturm fahren wir nicht los“, erklärt der Routinier. „Dann warten wir.“ Normalerweise dauert die Schicht von 16 bis 20 Uhr, dann Pause mit Sandwich. Und weiter geht’s bis 24 Uhr. „Manchmal wird es dann halt ein oder zwei Uhr“, sagt Fernando lachend. Oder es geht morgens um 5 Uhr bereits aus den Federn. Kein Problem – man spürt, der Job macht Spass. Er hat seine Ruhe in der Kabine, die Kollegen begeben sich zusammen an die Arbeit, unter einander ist man während der Fahrt in Kontakt. Allein in der Bergwelt und doch nicht alleine.

Bei ganz steilen Stellen kommt die Seilwinde zum Einsatz und die Pistenbullys ziehen sich mittels Drahtseil – eingehakt in eine Verankerung – selber hoch. Es kann aber auch mal brenzlig werden. Ein Bully wiegt je nach Zusatzgeräten bis elf Tonnen. Auf der volatilen Schneeunterlage kann das schon einmal zu Schwierigkeiten führen. Kürzlich geschehen bei einer Traverse im Gebiet Hohtälli. Ein Bully sackte ab und schliff mit einer Lawine den Hang hinunter. Fahrer wohlauf, das Gerät zum Revidieren. Gut zu wissen, dass Bullys mit Überrollbügeln ausgestattet sind. In Zermatt richtet das Team von insgesamt 35 Männern jede Nacht total 165 km Pisten wieder schön her. Mitfahren empfohlen.

Fernando Truffer auf seinem elf Tonnen schweren Pistenbully.

Schnee schieben, bis die Pisten wieder schön flach sind.

Blue hour: Beim Einnachten ist die Aussicht auf die Bergwelt atemberaubend.

Stundenlang geht es in totaler Dunkelheit durch die Schwarz-Weiss-Welt: Schwarze Nacht, weisser Schnee.

Zermatt Tourismus | Tel +41 27 966 81 00 | info@zermatt.ch