Mein erster Viertausender

Zügeln ins autofreie Dorf Zermatt war angesagt. Denn am 4. September 2012 trat ich die neue Stelle bei Zermatt Tourismus an. Dann ging alles sehr schnell. Schon am 8. September stand ich, völlig überraschend, auf meinem ersten Viertausender.

von  Tanja Hengartner

Vom Flachland in die Berge

Im Rheintal gehörte ich zu den eher bescheidenen Wanderinnen. Ab und zu ging‘s ins Freie, auf eine kleinere Tour in die Hügel der Ostschweiz. Aber richtig Bergsteigen? Noch nie im Leben. In meinem neuen Job in Zermatt geht es für mich als Praktikantin ums Arbeitsfeld von Reisefachleuten, die Meeting- und Incentive-Reisen organisieren. Diese Fachleute suchen Orte für Gruppen, wo Team-Förderung betrieben werden kann. Teamfördernd ist beispielsweise, wenn Arbeitskollegen, die sonst zusammen im Büro sitzen, gemeinsam einen Viertausender erklimmen. Ein solches Erlebnis schweisst zusammen. Am 8. September 2012 wollte eine Gruppe von Reisefachleuten das Erlebnis Breithorn erkunden. Dieser Berg mit seiner unverkennbaren Eis- und Schneekappe ist 4‘164 m hoch. Als Praktikantin soll ich sie begleiten. Gleich in meiner ersten Arbeitswoche. Bin ich fähig, da hinauf zu kommen?  

In der Gruppe über Gletscher und Eis

Am Vortag mieten wir Klettergurte und Steigeisen, die auf die normalen Wanderschuhe geschnallt werden. Am Morgen um 06.30 Uhr treffen wir uns mit dem Bergführer an der Talstation Matterhorn glacier paradise. Das ist er also, Gianni Mazzone, seit Jahrzehnten Zermatter Bergführer. Auch die anderen zehn Personen sind da. Eventplaner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Um 07.45 Uhr stapfen wir los, auf 3‘883 Metern Höhe. Zuvor hatten uns die Bergbahnen innerhalb einer Stunde 2‘200 Höhenmeter hochgetragen. Nun fehlen noch knapp 300 Höhenmeter bis zum Gipfel. Das sollte machbar sein.

Es geht langsam über die weite und kaum ansteigende Gletscherfläche. Als es steil wird, machen wir eine kurze Rast. Gianni zeigt wie die Steigeisen an den Bergschuhen fixiert werden. Wir seilen uns in Gruppen von drei und vier Personen an. Ganni geht vor mir, ich im Abstand von rund drei Metern hinter ihm. In der gleichen Seilschaft laufen noch drei weitere Personen. Wir gehen langsamen Schrittes. Ich achte darauf, dass das Seil zwischen Gianni und mir immer leicht durchhängt, den Boden aber nicht berührt. Das Atmen ist nicht leicht, die Luft ist dünn, das Wetter herrlich. Ich schau weder rechts noch links, konzentriere mich aufs Atmen. Irgendwie geht es schon, aber es ist hart, je länger wir voranschreiten, umso mehr schnaufe ich wie ein Pferd. Nach rund eineinhalb Stunden – trotz kurzer Zwischenhalte – packt mich die Krise, mein Körper sagt: „Ich kann nicht mehr, ich lass mich ausseilen. Beim Abstieg könnt ihr mich wieder mitnehmen.“ Aber ich will mir keine Blösse geben, nehme mich zusammen. Nur darum geht es, tief atmen, im Rhythmus atmen, im langsamen Rhythmus gehen. Kein Blick rechts und links, der Blick ist einzig auf die Bergschuhe mit den Steigeisen geheftet. Die Zacken der Steigeisen sollen sich nicht in den Hosenbeinen verheddern. Konzentration, im Rhythmus gehen, keine Blösse geben, atmen, gehen, atmen, gehen.

Völlig neue Gedanken

Plötzlich sind wir oben. Zuerst geht es nur ums Verschnaufen. Gianni gratuliert und sagt zu mir: „Du hattest wohl etwas Mühe, so eine halbe Stunde vor dem Gipfel.“ Unglaublich, das hat er gemerkt? Obwohl wir gar nicht darüber gesprochen haben? Er hat überall Augen, spürt alles, sieht alles. Das gibt Sicherheit. Irgendwie hatte ich das schon bei der Talstation gespürt.

Vergessen sind alle Zweifel, langsam kommt ein Gefühl der Freude auf. Erst jetzt widme ich mich der Aussicht. Diese unglaublich klare Luft, für Flachländer unvorstellbar. Der Blick schweift ins Tal hinunter, nach Zermatt, nach Italien, zum Gran Paradiso. Der Blick schweift weiter, auch bis nach Frankreich, zum Mont Blanc. Die anderen Seilschaften treffen ein. Wir gratulieren einander. Alle sind beeindruckt. Aber wir sind auch vorsichtig. Wir fragen Gianni, wo wir für unsere Erinnerungsfotos hinstehen dürfen. Gianni weiss das, wir Anfänger nicht. Also besser fragen.

Wir setzen uns, trinken und essen. Die Luft ist viel klarer als im Tal unten, sie ist richtig gläsern. Und ich gebe es zu – etwas Tränen habe ich schon in den Augen. Ich hab’s geschafft. Den ersten Viertausender!

Wieder unten im Tal fällt mir auf, dass oben auf dem Gipfel alle Zweifel einfach weg waren. Andere Gedanken haben plötzlich den Kopf dominiert. Die Aussicht, die Weite, das Weltall. Aber nach dem Hipe auf über 4‘000 Metern ist klar: wer das Breithorn „gemacht“ hat, ist noch kein Alpinist. Ich hab den Berggipfel, die Höhe von 4‘164 m erreicht. Ich darf stolz sein, und ich weiss jetzt auch: mit dem Bergsteigen mache ich weiter. Es war nicht mein letzter Viertausender. 


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