Klettersteig: "Bis zum letzten Wassertropfen"

Wir freuten uns auf den Klettersteig. Wussten aber nicht genau, was uns wirklich erwartet. Zum Glück, denn so stiegen wir ganz locker ins Abenteuer ein. Mit dabei: Dani, Pascal, Priska, Sven, Tanja und Walter. Manche hatten schon Klettererfahrung, zwei hatten auch schon Klettersteige absolviert. Doch für andere war es eine neue Herausforderung. Start war um 17.30 Uhr, an einem warmen Juli-Tag.

von  Pascal Gebert

Nichts gibt’s gratis

Bis zum Einstieg in den Klettersteig brauchen wir eine halbe Stunde. Der Wanderweg ab dem Bahnhof Zermatt ist zwar nicht schwierig, aber doch gilt es, 150 Höhenmeter zu überwinden. Es geht durch ein Lärchenwäldchen und vorbei an grossen eisernen Lawinenverbauungen. Beim Startpunkt studieren wir die Informationstafeln. Wir entscheiden uns, alle drei Routen, A, B und C zu machen, ziehen Helm und Klettergurt an und hängen die Sicherungsseile mit den Karabinerhaken im Klettergurt ein.

Klettersteig 1
Ausgangspunkt - noch harmlos und entspannend. Es geht über grüne Wiesen und durch ein lichtes Lärchenwäldchen.

Der Einstieg in den Klettersteig, Route A, ist noch völlig locker. Ein leichtes Kraxeln, teilweise auf allen Vieren. Wir können uns bestens an die Sicherheits-Technik gewöhnen: Karabiner an den fixierten Stahlseilen einhaken, hochklettern und bei der Felsverankerung zum nächsten Abschnitt umhängen. Ohne Hektik, aber zügig. Langsam geht die Route über in die senkrechten Felswände. Mit Tritteisen, die U-förmig im Fels fixiert sind. Das Dorf taucht weit unter unseren Füssen auf.

Klettersteig 6
Langsam und stetig geht es der Via Ferrata entlang. Immer schön am Stahlseil gesichert.

Edelweiss, immer wieder Edelweiss

Mit Überraschung betrachten wir während dem Klettern die Grüppchen von Edelweiss, zu denen wir uns immer wieder von neuem auf Nasenhöhe emporhieven. Zermatt liegt direkt unter uns und wird immer kleiner, die Kletterei dafür immer anspruchsvoller. Um gut zu den Griff- und Stehpunkten zu kommen, sagen wir uns immer wieder: Fuss setzen, Arm ausstrecken, Haken neu einhängen.

Klettersteig 14
Immer wieder auf Augenhöhe: Edelweiss, das Wahrzeichen der Alpen, die mystische Bergblume.

Wir gehen weiter und erreichen nach einer guten Stunde die Beresina-Hütte, die aus dem 19. Jahrhundert stammt. Wir rasten und essen unser Abendbrot. Herrlich, diese Aussicht: weit unter uns das Dorf Zermatt, gegenüber, wie auf einen Felsen geklebt, das Restaurant Edelweiss. Leider muss uns unser Kollege Sven nach der A-Route schon verlassen. Er nimmt den dafür ausgeschilderten Abstieg.

Klettersteig 5
Zwischenrast beim Beresina-Haus. Gemütlich und noch nicht wirklich durstig.

Wasser, wir wollen Wasser!

Unsere Wasserflaschen sind schon fast leer. Aber es kommt zu einer weiteren Steigerung am Klettersteig: nach einer längeren Traverse erreichen wir Holzbalken, die eigens für das Adrenalin-Gefühl nicht fix montiert worden sind. Und wieder Eisenleitern, Eisentritte, Eisenbolzen, die in die Felsen eingelassen sind. Eine richtig schöne „Via Ferrata“. Die Stahlseile sind unsere Sicherung. Hier hängen wir uns Hunderte Male immer wieder neu ein - die Bewegungen werden immer mehr zum Automatismus. Falls wir abstürzen sollten, würden wir nur in unseren Klettergurt fallen und noch immer fest im Fels hängen bleiben.

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Dieses Schild hat uns gewundert und enttäuscht: ein Wasserhahn im Nichts, der kein Wasser führt.

Das ist wirklich nur etwas für Schwindelfreie. Die Zeit verfliegt. Mental ist es eine schöne Herausforderung, eine solche Konzentrations-Leistung am Fels zu machen. Das Klettern hält uns im Hier und Jetzt, die Gedanken können nicht abschweifen. Auf einer kleinen Wiese machen wir eine zweite Rast. Aber unser Wasser ist knapp. Unsere dumme Einsicht: hätten wir doch mehr Wasser mitgenommen! Tatsächlich kommen wir an einem Wasserhahn vorbei. Ein echter Hahn, in den Fels eingelassen. Aber … er führt kein Wasser! Ein Scherzkeks hat sogar ein Schildchen angebracht: Kein Trinkwasser.  

Endlich, nach vier Stunden, erreichen wir das Ende des Klettersteiges. Wir befinden uns auf den Schweifinen, auf über 2‘100 m. Unsere Höhenmeterleistung: 560 m. Wir sind recht kaputt, und Durst plagt uns. Aber wir sind glücklich. Wir haben es geschafft! Da kommt die Flasche Fendant, die Dani im Rucksack mitgenommen hat, gerade recht.

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Endlich erreicht: nach vier Stunden klettern, sind wir am obersten Punkt des Mammut Klettersteiges angelangt.

Mit dem Plastikbecher in der Hand prosten wir uns zu und schauen in die Runde: im Hintergrund leuchtet das Matterhorn in den allerletzten Sonnenstrahlen des Tages. Es ist bereits 21.30 Uhr. Zum Glück hat uns nichts aufgehalten. Zum Glück sind wir alle etwa gleich schnell geklettert. Niemand hat schlapp gemacht.

Aber auweia. Vor uns liegt noch eine Stunde Abstieg. Zum Glück haben wir Stirnlampen dabei. Ziemlich geschafft nehmen wir die Abstiegsroute von den Schweifinen steil hinunter Richtung Zermatter Bahnhof. Dann, nach 884 m steilen Abstiegs ist die Anspannung vorbei und der Effekt des Adrenalins lässt nach. Der erste Muskelkater meldet sich. Endlich unten angekommen, schleppen wir uns an die Bar des Hotel Alex. Das Bier haben wir uns verdient!

Tipps für den Mammut Klettersteig Zermatt

  • Vor dem Start: Wetterbeurteilung machen. Könnte es Regenschauer oder Gewitter geben?
  • Wasser mitnehmen. Für Route A mindestens 5 dl, für Route A-C mindestens 1,5 l
  • Verpflegung für die Rast und zusätzlich kalorienreiche Nahrung (Trockenfrüchte, Nüsse, Riegel) mitnehmen.
  • Zeit-Einteilung. Nicht zu spät starten.

Ausrüstungs-Tipp

Nebst der üblichen Klettersteig-Ausrüstung unbedingt auch eine Stirnlampe mitnehmen, auch wenn nicht spät gestartet wird. Man weiss nie, ob man aufgehalten wird.