ARA

29.01.2014

Die neue Kläranlage Zermatt ist in Betrieb. Nach 3½-jähriger Bauzeit hat die grösste Membranbiologieanlage der Schweiz den Touristenansturm mit Bravour gemeistert. Investitionsvolumen: 35 Mio. CHF.

© Michael Portmann

Klärmeister Beni Zenhäusern hebt den Daumen nach oben. Die Resultate der Laboranalysen zeigen es schwarz auf weiss: Die neue biologische Reinigungsstufe hat die Feuertaufe bestanden und die Abwässer der Gäste und Einheimischen über das Jahresende einwandfrei gereinigt.

„Herztransplantation“ in der Kaverne

Selbst mancher Einheimische weiss keine Antwort, wenn man ihn nach dem Weg zur ARA Zermatt fragt. Seit 32 Jahren reinigt sie, gut versteckt im Berginnern beim Dorfausgang, die Abwässer des Weltkurorts. Inzwischen sind die Schmutzfrachten und auch die Anforderungen an die Qualität des gereinigten Abwassers gestiegen, so dass ein Ausbau der biologischen Reinigungsstufe notwendig wurde. Als Auflage galt: kein weiterer Felsausbruch, die Neuanlagen müssen mit dem bestehenden Beckenvolumen auskommen. Um alle Vorgaben zu erfüllen kam nur das platzsparende, innovative Membranbiologieverfahren (siehe Kasten) in Frage. Die Anlage ist für 60‘000 Personen konzipiert und zeichnet sich gegenüber anderen Reinigungsverfahren dadurch aus, dass das gereinigte Abwasser völlig feststofffrei ist.

Wie installiert man im Berginnern eine neue Abwassertechnologie und betreibt gleichzeitig die bestehende Kläranlage weiter? Die Ingenieure machten sich den Umstand zu Nutzen, dass der Abwasseranfall im Touristenort einen ausgeprägten „kamelförmigen“ Jahresgang aufweist. Das Vorgehen glich also einer Herztransplantation am Patienten: Geschickt wurde die Zeitperiode von Ostern bis Dezember genutzt, um im Jahr 2012 die erste und im Jahr 2013 die zweite Abwasserstrasse umzubauen. Somit konnte zu Zeiten eher geringer Belastung stets eine Abwasserstrasse in Betrieb gehalten werden. Der straffe Terminplan für die Abbrüche, Betonsanierungsarbeiten, Betonneubauten, Maschinen-, Elektro- und Lüftungsinstallationen konnte dank Zwei-Schichtbetrieb eingehalten werden. Während der gesamten Bauzeit war kein einziger gravierender Personenunfall zu beklagen. Rechtzeitig vor Beginn der Wintersaison hat nun die zweite Abwasserstrasse den Betrieb aufgenommen.

Neue Schlamm- und Abluftbehandlung

Gleichzeitig mit dem Umbau der biologischen Reinigungsstufe wurde für die Schlammbehandlungsanlagen ein neues Gebäude neben dem Portal der Abwasserbehandlungsanlage erstellt. Da die Anlage unmittelbar neben Wohnhäusern steht, besteht bezüglich Geruchsemissionen Nulltoleranz. Deshalb mussten auch hier neue Wege beschritten werden: Sämtliche Anlagen, welche den stark geruchsbelasteten Frischschlamm fördern oder lagern, sind geschlossen und werden von einem Ventilator in leichtem Unterdruck gehalten. Auf diese Weise kann die geruchsbelastete Abluft nicht in die Betriebsräume und ins Freie gelangen, sondern wird direkt einer Abluftbehandlungsanlage zugeführt, bestehend aus einem Wäscher und zwei Biofiltern.

Christoph Bürgin, Gemeindepräsident von Zermatt ist stolz auf das neue Werk: „Die Investitionen von CHF 35 Millionen sind zwar sehr hoch, doch sind wir es unseren Gästen aus aller Welt schuldig, ihnen eine gut funktionierende Infrastruktur und eine intakte Umwelt zu bieten“.

Membranbiologie: Was ist das?

Die biologische Reinigungsstufe ist das Herzstück einer Kläranlage und ist am Ende der Behandlungskette angeordnet. Das von Grobstoffen und absetzbaren Stoffen befreite Rohabwasser wird in Kontakt gebracht mit Mikroorganismen, welche sich aus einer Vielzahl von verschiedenen Arten zusammensetzen. Die Mikroorganismen lagern ungelöste Abwasserinhaltsstoffe an und „fressen“ die gelösten Abwasserinhaltsstoffe (Umwandlung von organischen Stoffen und Stickstoffverbindungen in Wasser, Kohlendioxyd und Luftstickstoff). Dabei vermehren sie sich. Sie werden täglich aus den Abwasserbecken abgepumpt und der Schlammbehandlungsanlage zugeführt.

In der nachfolgenden Membranfiltration werden die Mikroorganismen vom gereinigten Abwasser abgeschieden: Pumpen saugen das gereinigte Abwasser durch die Poren einer Vielzahl von „strohhalmförmigen“ Hohlmembranfasern (von aussen nach innen). Dabei bleiben die Mikroorganismen im Becken zurück. Damit die Poren der Membranen nicht zuwachsen, werden sie bei Abwasserdurchfluss belüftet und periodisch mit Zitronensäure und Javellauge gereinigt. 

Grösste Membranbiologie-Anlage der Schweiz

Kapazität Abwasserreinigung: 60'000 Personen
Volumen der gereinigten Abwässer: 2.1 Mio m3/Jahr
Stromverbrauch: 1.5 Mio kWh/Jahr
Fläche der Anlage im Berg: 4‘000 m2
Bauzeit: 3 ½ Jahre
Arbeitsplätze: 5
Investition: CHF 35 Mio