So weit die Füsse tragen: Auf Skis von Zermatt nach Verbier

Samstag den 8. Februar 2014

Jost Fetzer berichtet hier von der legendären Patrouille des Glaciers - dem härtesten Gebirgsrennen der Welt. Sein erster Blog bezieht sich auf die Wurzeln und Hintergründe der Patrouille des Glaciers (PdG). Weiter berichtet er über die Rennvorbereitungen und seine Erlebnisse. Das Kultrennen PdG feiert 2014 das 30. Jahr der Wiederaufnahme (29.04. bis 03.05.2014). Es findet alle zwei Jahre statt. 1'800 Dreierpatrouillen werden beim 30 Jahre Jubiläum an der legendären Patrouille des Glaciers von Zermatt nach Verbier starten. Der Ursprung des Rennens ist jedoch viel älter...

von  Jost Fetzer

Als am Ostermontag, 18. April 1949, nach acht langen Tagen des Suchens die vermissten drei Skiläufer Maurice Crettex, Robert Droz und Louis Thétaz tot in einer Gletscherspalte aufgefunden werden, stirbt mit dem letzten Funken Hoffnung zugleich die Zukunft der noch jungen Patrouille des Glaciers. Das Militärdepartement verbietet nach der dritten und verhängnisvollen Durchführung jede weitere Organisation dieses Skitourenrennens von Zermatt nach Verbier.

Die Idee zum Hochgebirgsskilauf der Extraklasse stammt von den beiden Hauptmännern der Gebirgsbrigade 10, Rodolphe Tissières und Roger Bonvin – dem späteren Bundesrat. 1939, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wollen die beiden Offiziere die Ausdauer und Widerstandskraft ihrer Soldaten anhand eines Wettlaufs in den Alpen testen. Kann die Armee die unwegsame Grenze im Hochgebirge sichern, lautet die Frage. Dreierpatrouillen auf Ski sollen zur Klärung die bereits damals legendäre, normalerweise vier Tage dauernde «Haute Route» zwischen Zermatt und Verbier in einer Etappe absolvieren.

Geburt einer Legende

Die erste Ausgabe der Patrouille des Glaciers, kurz PDG, startet am 23. April 1943 bei der Schönbielhütte nahe von Zermatt. Ziel ist das 53 Kilometer entfernte Bauerndorf Verbier. Ganz im Sinne der Landesverteidigung gilt es nicht nur die je rund 4000 Höhenmeter Aufstieg und Abfahrt zu meistern, kurz vor Verbier ist auch noch eine Schiessübung zu absolvieren. Gekleidet in Uniform, an den Füssen grobe Lederschuhe und Holzski, auf dem Rücken ein 12 Kilo schwerer Lederrucksack und das Gewehr. Wer jetzt über 120 Meter Schussdistanz danebentrifft, wird mit 10 Minuten Zeitzuschlag bestraft. Die drei Mannen der Siegermannschaft treffen ins Schwarze und erreichen Verbier bereits nach 12 Stunden und 7 Minuten (Hier ein Tondokument von Ernest Stettler, einem der Sieger von 1943). Lediglich eine zweite Patrouille kommt geschlossen ins Ziel, sechs Teams treffen immerhin zu zweit ein, die restlichen zehn Seilschaften verirren sich im Nebel nach Italien, müssen auf der Strecke biwakieren und gerettet werden. Bei der zweiten, verlängerten Ausführung 1944 nehmen bereits 64 Dreierteams teil – eine Legende ist geboren.

Tragischer Spaltensturz und Verbot des Rennens

In den Folgejahren kann die Armee das Rennen nicht durchführen, und als 1949 endlich die dritte Austragung angekündigt ist, ist das Interesse an der PDG riesig. Doch im Schneetreiben hoch oben im Val d'Hérens auf dem Mont-Miné-Gletscher passiert das Unglück. Eine Gletscherbrücke bricht unter der Patrouille Nr. 7 zusammen, die drei Männer aus der Walliser Gemeinde Orsières fallen 35 Meter tief in eine Gletscherspalte und werden erst nach 8 Tagen gefunden und tot geborgen. Die Betroffenheit in den Gebirgsregionen ist gross und die mediale Kritik niederschmetternd. An eine weitere Durchführung des Anlasses ist nicht zu denken.

Der Mythos der PDG aber lebt weiter und wird in den Tälern des Unterwallis von den Vätern auf die Söhne vererbt (Videos zur Geschichte der Patrouille gibt es hier und hier). Über 30 Jahre nach der letzten Austragung wird der Wunsch nach einer Wiederaufnahme des legendären Rennens erhört. Die Armee startet die Neuauflage der PDG im Frühjahr 1984 mit einer klaren Ansage: Ein Unglück wie 1949 darf nie wieder passieren. 190 Dreierteams wagen sich auf den Kurs. Das Gewehr bleibt diesmal zu Hause, denn neu sind auch zivile Patrouillen zugelassen. Von nun an findet das Rennen alle zwei Jahre statt und wächst beständig auf bis zu 4500 Teilnehmer beziehungsweise ab 1992 auch Teilnehmerinnen.

GPS-Sender zur Lokalisierung der Patrouillen

Damit es nie wieder zu einem tödlichen Unglück kommt, wird massiv in die Sicherheit auf der Strecke investiert. Rund 1600 Armeeangehörige leisten an die 13'500 Diensttage, richten Streckenposten ein und spuren den Weg von Zermatt nach Verbier. Jedes Team trägt heute zudem einen GPS-Sender mit sich, damit die aktuelle Position der Teilnehmer jederzeit live mitverfolgt werden kann und bei einem Rennabbruch die Teams schnell evakuiert werden können. Denn zu Abbrüchen wegen schlechter Wetter- und Schneeverhältnissen kommt es immer wieder.

Patrouille der Eiswürfel

Minus 40 Grad beträgt die Temperatur 1986 auf der Tête Blanche, über 100 Rennläufer erleiden Erfrierungen und der Lauf wird in Arolla gestoppt. Das Rennen erhält den Spitznamen «Patrouille des Glaçons – Rennen der Eiswürfel». 2002 dasselbe: Wind, Schnee, Nebel und Abbruch. Die Sicherheit geht vor. Trotz der widrigen Bedingungen melden sich stetig mehr Teams an, sodass der Lauf ab 2006 doppelt durchgeführt wird: Zwei Starts von Zermatt auf der langen Strecke und zwei Starts auf der kürzeren Route von Arolla nach Verbier. 1500 Dreierteams können somit das Abenteuer wagen. Doch auch 2012 ist kein gutes Jahr, das Rennen wird wegen Föhnsturm und Lawinengefahr abgebrochen. Entsprechend hoch sind die Erwartungen für die kommende 19. Austragung.

Staatlich finanzierter Walliser Volkslauf

Gestiegen sind nicht nur die Sicherheitsvorkehrungen während des Rennens, sondern auch die Ausgaben für die Durchführung. Trotz namhafter Beiträge von Sponsoren wie dem Skitourenausrüster Dynafit sowie Startgebühren von über 1000 Franken pro Team muss die Armee einen Grossteil des Budgets von rund 7,5 Millionen Franken alleine tragen. Die Kosten lägen lediglich 500'000 Franken über einem normalen Wiederholungskurs, betonen die Verantwortlichen in der Armee immer wieder. Von der Zeitung «Le Matin Dimanche» auf die Zukunft der PDG angesprochen, äussert sich Verteidigungsminister Ueli Maurer kritischer: Das Gletscherrennen sei ihm zu wenig militärisch, denn 90 Prozent der Teilnehmer seien keine aktiven Soldaten. Ausserdem sei die PDG mit 40 Prozent Teilnehmenden aus dem Wallis eher ein kantonaler Anlass als ein nationaler. Er wolle jedoch gerne selber an der kommenden Patrouille teilnehmen.

Allerletzte PDG 2014?

Ganz unrecht mag Bundesrat Ueli Maurer damit nicht haben. Im Wallis geniesst die PDG einen ähnlichen Status wie der City Marathon in New York. Mindestens einmal daran teilzunehmen ist sozusagen Pflicht unter den Einheimischen: 2010 beispielsweise lieferten sich Christian Constantin vom FC Sion und CVP-Präsident Christophe Darbellay ein Rennen über die verschneiten Berge, das Darbellay mit Abstand gewann. Doch auch ausserhalb des Wallis fühlen sich viele vom Mythos der PDG angezogen. Swisscom-CEO Carsten Schloter war ein bekannter Teilnehmer, dessen Team sich nur knapp hinter Darbellay platzierte. Macht Bundesrat Ueli Maurer seine Ankündigung wahr, reiht er sich in eine lange Liste von Prominenten und Politikern ein, die zumindest die kurze Route nach Verbier in Angriff nehmen wollen oder bereits absolviert haben. Ob es für Maurer die erste und für die Allgemeinheit die letzte PDG sein wird, ist noch nicht bekannt. Es seien erst die definitiven Beschlüsse zur Weiterentwicklung der Armee abzuwarten, bevor über 2014 hinaus ein definitiver Entscheid gefällt werden kann, vermeldet das VBS.

Eine zwischenmenschliche Herausforderung

Mit der Weltspitze mithalten können Politiker und CEOs nicht: Der aktuelle Streckenrekord aus dem Jahr 2010 beträgt 5 Stunden 52 Minuten – auf der langen Route von Zermatt nach Verbier, notabene. Für das 30-jährige Jubiläum der Wiederaufnahme der PDG vom 29. April bis zum 4. Mai 2014 sind nun gar 1800 Teams angemeldet. Die wenigsten hegen keine Ambitionen für eine neue Bestzeit. Eine zwischenmenschliche Herausforderung im Team eingehen und ans Ziel kommen, lautet vielmehr die Devise. Die Erfolgsrate liegt immerhin bei rund zwei Dritteln.

Jost Fetzer, Rennläufer an der Patrouille des Glaciers 2014

Jost Fetzer schrieb diesen Artikel für den Tages-Anzeiger Outdoor Blog: Link


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