Der Krimi am Hore

Das Matterhorn feiert 150 Jahre Erstbesteigung. Damals dabei: Vater und Sohn Taugwalder. Zum Jubiläum erzählen die Freilichtspiele Zermatt die dramatische Geschichte. Mit dabei: die fünfte Generation Vater und Sohn Taugwalder.

Text von Aurelia Forrer und Fotos von David Birri
Erschienen in der Schweizer Illustrierten, Nr. 11, 9. März 2015

Sie hängt am hanfenen Seil: Die Wahrheit darüber, was am 14. Juli 1865 am Matterhorn geschah. Dem Tag, an dem eine siebenköpfige Seilschaft erstmals die Bergspitze auf 4‘478 Metern erreichte. Nur drei von ihnen überlebten aber auch den Abstieg: der Engländer Edward Whymper – er ist der offiziell Erste auf dem Gipfel – sowie die Zermatter Bergführer Peter Taugwalder Vater und Peter Taugwalder Sohn. Mit dem kaputten Hanfseil, an dessen unterem Ende die anderen vier in den Tod stürzten, kehrten sie damals nach Zermatt zurück.

Die Nachfahren spielen die Vorfahren

150 Jahre später versuchen die Freilichtspiele Zermatt Licht ins Dunkel zu bringen: mit dem Krimi um die Erstbesteigung des „Hore“, wie die Einheimischen das Matterhorn nennen. Josef Taugwalder, 50, und sein Sohn David, 23, schlüpfen in „The Matterhorn Story“ in die Rollen ihrer Vorfahren. Sie sind jeweils Ururur-Enkel jener Personen, die sie verkörpern. „Wir spielen sozusagen unsere Familiengeschichte, die bei uns stets präsent ist.“ Für das Stück wechseln sie gemeinsam vom eigenen Treuhandbüro auf die Bühne: „Eine seltene Gelegenheit, mit dem Sohn etwas Aussergewöhnliches zu erleben“, sagt Vater Josef, der vor zwei Jahren das erste Mal auf dem Hore war. „Auch verspüren wir einen gewissen Stolz für den Mut unserer Vorfahren.“

Whymper geht aufs Ganze

Heute besteigen jedes Jahr 3000 Menschen das Matterhorn. Ganz anders vor 150 Jahren, da fürchten sich die Zermatter vor ihrem Hausberg. Der Pfarrer warnt: Den Berg zu besteigen sei Gotteslästerung! Der Aberglaube, dass Geister Steine hinunterwerfen, schürt zusätzlich die Angst. Die Dorfbewohner haben Respekt – und zudem wegen existenzieller Not keine Zeit fürs Klettern. Es sind abenteuerlustige, reiche Engländer, die unbedingt aufs Hore wollen. Edward Whymper gilt unter ihnen als ehrgeiziger Alpinist, der den Aufstieg bereits achtmal von der italienischen Seite her versucht hat. Als er im Dorf hört, dass sich andere Briten aufmachen, schliesst er sich der Gruppe an. Vater und Sohn Taugwalder erklären sich als Einheimische bereit, die Seilschaft als Bergführer zu begleiten. „Sie waren arme Bergbauern und brauchten Geld“, so Josef Taugwalder. Für 80 Franken – heute kostet der Aufstieg 1200 Franken – ignorieren sie die Warnung des Pfarrers und machen sich ausgerechnet an einem 13. auf den Weg. „Unglaublich mutig, denn sie wussten ja nicht, was sie erwartete. Inzwischen sind Fixseile befestigt, die den Aufstieg erleichtern.“

Die siebenköpfige Crew – heute umfasst eine Seilschaft zwei Personen – schafft den Aufstieg. Der ehrgeizige Edward Whymper erreicht den Gipfel als Erster. „Es heisst, dass er beim Aufstieg das Seil durchschnitten habe, damit er als Erster oben war.“ Beim Abstieg hat Bergführer Taugwalder deshalb nicht genug Seil, um sich mit dem vorangehenden Lord Douglas sichern zu können. Er nimmt ein dünneres – schliesslich ist Douglas sein zahlender Kunde. Als dann einer der vorderen vier beim Abstieg ausrutscht, reisst das dünne Seil. Lord Douglas fällt mit den anderen 1400 Meter in die Tiefe – und ist als Einziger bis heute irgendwo am Berg verschwunden. Vater und Sohn Taugwalder bleiben mit Edward Whymper stehen. „Wäre das Seil anders gerissen, wären wir heute nicht hier“, sagt David Taugwalder.

Keine gefeierten Helden

Das am vermeintlich richtigen Ort zerrissene Seil hat dennoch bittere Folgen. „Für Bergführer Taugwalder war die Erstbesteigung mit vier Toten eine Katastrophe. Sie waren keine gefeierten Helden“, so Josef Taugwalder. Nur Whymper liess sich als Erster auf dem Hore feiern. „Er erzählte später, dass Vater Taugwalder absichtlich ein schwächeres Seil benutzt oder dieses gar durchschnitten habe und er somit für den Tod der anderen verantwortlich sei.“ Der Zermatter, der kein Englisch spricht, kann sich gegen die Aussagen Whympers nicht wehren.

Dieser Teil der Geschichte berührt die Taugwalders noch Generationen später. „Whymper war ein toller Alpinist, keine Frage. Aber was er danach tat, war Rufmord und hat Vater Taugwalder gebrochen.“

Das Corpus Delicti liegt heute im Matterhorn Museum in Zermatt. Ein Hanfseil mit einem Durchmesser von sechs Millimetern, normal sind 1,7 Zentimeter. Tests haben inzwischen gezeigt, dass die Reisskraft des zerrissenen Seils bei 300 Kilogramm liegt. Das Gewicht von vier fallenden Personen kann das Seil nicht halten. „Vater Taugwalder versuchte dennoch, das Seil um einen Felsen zu binden. Das bewiesen seine Verletzungen an Brust und Händen“, so Josef Taugwalder. „Dann noch das Seil zu durchschneiden, ist in diesen Sekundenbruchteilen unmöglich.“

Ein Gerichtsurteil gegen Taugwalder wurde nie gefällt. Zudem haben die Zermatter stets der Version ihres Kollegen geglaubt. Das Stück „The Matterhorn Story“ sei eine späte Genugtuung, sagt Josef Taugwalder. „Deshalb spielen wir unsere Vorfahren mit Herzblut.“ Die ganze Wahrheit wird dennoch nie ans Licht kommen. Der Trubel um den weltbekannten Walliser Berg geht weiter. Nur am Jubiläumstag, am 14. Juli 2015, herrscht für einmal kein Kletterbetrieb am Hore.

„The Matterhorn Story“

Der Berg aller Berge feiert Jubiläum. Die Freilichtspiele Zermatt werden vom 9. Juli bis 29. August 2015 das Stück „The Matterhorn Story“ der Berner Autorin und Regisseurin Livia Anne Richard uraufführen.

Das Freilichttheater findet am Gornergrat auf dem Riffelberg (2‘582 m) statt und lässt die Besucher ins Jahr 1865 abtauchen. Die Profi- und Laiendarsteller spielen zudem vor spektakulärer Kulisse – nämlich vor dem Hauptdarsteller, dem Matterhorn.

Gesprochene Sprachen im Stück: Walliserdeutsch / Deutsch / Englisch. Schriftlicher Szenenbeschrieb in Französisch, Portugiesisch, Japanisch sowie in Koreanisch erhältlich.

 

PDF Schweizer Illustrierte, Nr. 11, 9. März 2015

Freilichtspiele Zermatt

Pauschalen Freilichtspiele


Das könnte Sie auch interessieren

Die besten Angebote finden

  • Buchung in nur 3 Minuten
  • Echte Gästebewertungen
  • 100% sichere Buchung
Wetter
Webcams
Pistenplan
Tagestipps
Buchen

Zimmer / Wohnung 1

Zimmer / Wohnung 2

Zimmer / Wohnung 3

Zimmer / Wohnung 4

Zimmer / Wohnung 5

+ Zimmer / Wohnung